Hofacker

20. Juli 1944: Cäsar von Hofacker – Niklasstraße 12

Der Umsturz am 20. Juli 1944 war europaweit vorbereitet worden. In Paris war Cäsar von Hofacker die zentrale Person des Umsturzversuches. Er gehörte zu dieser Zeit zum persönlichen Stab des militärischen Befehlshabers in Frankreich General Carl-Heinrich von Stülpnagel. Im Unterschied zu anderen Zentren des Umsturzes wurden in Paris sogar Verbände der Gestapo und des SD u.a. am 20.Juli 1944 u.a. festgesetzt, mussten aber wieder freigelassen werden, nachdem klar war, dass Hitler das Attentat überlebt hatte.

1940 Foto1a ((c) GDW)

Dass Cäsar von Hofacker einmal die zentrale Person des Umsturzversuchs am 20. Juli 1944 in Paris sein wird, war nach seiner Kindheit und Jugend und seiner beruflichen Herkunft als Prokurist der Vereinigten Stahlwerke, einem der größten Rüstungsproduzenten in der NS-Zeit, nicht zu erwarten. Er wurde 1896 geboren und wuchs in einer bekannten schwäbischen Familie auf. Sein Vater wählte die militärische Laufbahn und wurde in dieser Zeit in den erblichen Adelsstand erhoben, am Ende des 1. Weltkriegs war er Generalleutnant und Träger des Ordens Pour le Mérite und, was erst viel später von Bedeutung werden sollte, er war der Divisionskommandeur des späteren Generalfeldmarschalls Erwin Rommel, des Oberkommandierenden der Westfront 1944. Seine Mutter stammte aus der preußischen Adelsfamilie Üxküll-Gyllenband. Darüber wurde er zu einem Vetter von Claus und Berthold Schenk von Staufenberg. Sein Onkel war Nikolaus Graf von Üxküll-Gyllenband, zu seinen Freunden aus Jugendtagen gehörte Fritz-Dietlof Graf von der Schulenburg, alles Mitglieder preußischer Adelsfamilien, von denen viele am 20. Juli aktiv beteiligt waren.

Cäsar von Hofacker war in seiner Studentenzeit ein aktives Mitglied des Deutschen Hochschulrings (DHR), einem Sammelbecken nationalistischer und völkischer Studentenorganisationen, agitierte gegen die Weimarer Republik, trat für „die wahre Volksgemeinschaft“ ein und lehnte „jede Formaldemokratie“ ab. Mit diesen Auffassungen vertrat er Positionen wie viele andere seiner späteren Mitverschwörer auch.

Das gilt auch für Wilhelm Canaris, der wie Hofacker mit seiner Familie in Schlachtensee wohnte. Schlachtensee wird dadurch kein Ort des Widerstandes und ist mit seinen gut einhundert Jahren auch kein historischer Ort, dennoch ist von seinen Menschen viel zu erzählen, von den prominenten wie Willy Brandt und auch den nicht bekannten wie den Stillen Heldinnen. Bei diesen Frauen ist u.a. auffällig, dass ihre innere Haltung gradlinig und von Anfang an ablehnend gegenüber den Nazis war, während viele der Männer des militärischen Widerstandes anfänglich aktive Unterstützer und Wegbereiter des Nationalsozialismus waren. In Schlachtensee sind vor allem Admiral Wilhelm Canaris, der dem NS-Staat als Geheimdienstchef diente, und Cäsar von Hofacker zu nennen. Über Canaris wurde 2016 zu seinem Todestag im Zusammenhang einer Vortragsveranstaltung in der Schlachtenseer Johanneskirche im Tagesspiegel berichtet. In diesem Beitrag soll Cäsar von Hofacker vorgestellt werden. Auch über ihn wird es einen Vortragsabend in der Schlachtenseer Johanneskirche geben. (Siehe Kasten unten)

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(1942 Cäsar von Hofacker mit seinen Töchtern vor der Niklasstraße 12, (c) Privatbesitz/GDW)

Nach dem Jurastudium erhielt Cäsar von Hofacker verschiedene Posten in deutschen Industrieverbänden und entwickelte daraus eine erkennbar realitätsbezogenere Haltung, wenn er z.B. schreibt: „dass gerade das Wohl des eigenen Volkes … weise Mäßigung an Stelle starren Festhaltens an alten Dogmen erheischt, und dass eine, wenn auch mit Opfern erkaufte Verständigung für die Nation oft unendlich viel mehr Wert ist, als selbst der glänzendste ‚Waffensieg‘.“ Aus dieser eher an langfristigen Interessen orientierten Haltung heraus, die ihn als Vertreter von deutschen Industrieverbänden zeigt, wird auch verständlich, dass er nicht wie andere seiner Freunde 1933 mit fliegenden Fahnen zur NSDAP wechselte, sondern sie beobachtend und unterstützend begleitete. Er stellte erst 1936 den Aufnahmeantrag und wurde erst 1937 in die Partei aufgenommen.

Cäsar von Hofacker hatte 1927 geheiratet und eine Familie gegründet, die im Laufe der Jahre zwei Söhnen und drei Töchter umfasste. 1934 wollte er wegen der „heutigen ungewissen Zeit“(!) ein Haus „als Refugium in Zeiten der Not für Kinder und Enkel“ erwerben, gab dieses Vorhaben aber schon kurze Zeit später wieder auf, da „im Falles eines Sturzes des 3.Reichs als Erbe einzig der Kommunismus in Frage kommt.“ Diese Haltung entstand bei ihm allerdings nicht aus Zweifel an der Idee des 3. Reiches, wie er sie sah, sondern aus der Einsicht, „dass das 3. Reich noch lange nicht auf Erz gegründet und noch von 1.000 tödlichen Gefahren bedroht ist, ist selbstverständlich (wie) bei allen großen Staatsschöpfungen im Geburtsstadium.“ Ein Jahr später schreibt er, dass seine Hauptsorgen auf innenpolitischem Gebiet liegen. Ihm fehlt „diejenige stahlharte innere Geschlossenheit der Nation, die mindestens genauso notwendig ist, um den Existenzkampf zu bestehen, wie die rein militärisch-technische Ausrüstung.“ Seine Sicht auf die notwendige innere Situation beschreibt er mit den Worten: „Umso leidenschaftlicher predige ich aber jenen geistigen Sozialismus preußischen Stils, jenen Sozialismus der Haltung, der Schlichtheit, der Härte, wie er sich in der Person des Führers so wundervoll und in den Persönlichkeiten der Unterführer leider so wenig verkörpert.“ Für ihn war „ der Nationalsozialismus . das Geheimnis des innenpolitischen Sieges des 3. Reichs.“ „Wenn wir nicht rechtzeitig nationale Sozialisten werden, wird uns spätestens der nächste Krieg alle zu Kommunisten oder einen Kopf kürzer machen,“ so seine Worte.

Heute muten uns all diese aus ehrlicher Überzeugung geschrieben Worte als naiv und verblendet an, damals kamen sie ihm und vielen seiner Mitverschwörer aus innerem Herzen. Vier Jahre später formuliert er seine Position allerdings schon anders und schreibt in einer Denkschrift für den Kreis seiner Freunde, dem „Grafenkreis“: Die durch die Münchner Konferenz im September 1938 eröffneten „Möglichkeiten wurden von der deutschen Politik bewusst nicht ausgenutzt, sondern … durch die Pressekampagne gegen England, die Maßnahmen des 10. November 1938 und schließlich die Auflösung der Tschechei in ihr Gegenteil verkehrt.“ Damit nennt von Hofacker die zwei wesentlichen Motive, die ihn und viele seiner Mitverschwörer spätestens ab diesem Zeitraum dazu brachten, sich gegen Hitler und damit auch gegen den NS-Staat zu stellen. Es ist zum einen die erkennbare Kriegsvorbereitungspolitik Hitlers, durch die für sie die Vernichtung ihres Vaterlandes drohte, und zum anderen der mörderische Antisemitismus der Nazis, der all ihren religiösen oder humanistischen Werten widersprach, weil er den Juden das Menschsein absprach.

Ab diesem Zeitpunkt bewegt sich auch von Hofacker in Richtung Widerstand, vollständig eingebunden war er wohl erst ab 1943. (Siehe dazu auch: http://www.drafd.de/?Caesar_v_Hofacker) 1938 war er schon als Luftwaffenoffizier reaktiviert worden. 1940, dem Jahr des Einzugs seiner Familie in das Haus in der Niklasstraße 12 (damals Chamberlainstraße) wechselte er auch auf eine Militärstelle in Paris. Seine frühere Tätigkeit als Prokurist der Vereinigten Stahlwerke machten ihn zum Leiter des Referats „Eisenschaffende Industrie und Gießereien“ in Frankreich. Er hatte nun das langersehnte „Refugium für Kinder und Enkel“ in Schlachtensee, war aber natürlich nicht mehr sehr häufig zu Hause. 1944 wurde er Adjutant des Militäroberbefehlshabers in Paris, General Carl-Heinrich von Stülpnagel, der von 1933 bis 1936 auch in Schlachtensee in der Bergengruenstraße  27 (damals Largardestraße) gewohnt hat.

Sein Sohn, Alfred von Hofacker, der 1935 geboren wurde, erinnerte sich  an seinen Vater vor allem als „Urlaubsvater“, „der [wenn zuhause] ganz für uns da war; der uns Geschichten erzählte; und dessen Lachen mich heute noch begleitet.“ Die Familien der Verschwörer des 20. Juli wurden in Sippenhaft genommen, die Frauen und älteren Kinder in Konzentrationslager gesperrt, die jüngeren Kinder in einem speziellen Kinderheim in Bad Sachsa festgesetzt. Die Gedenkstätte Deutscher Widerstand widmet diesem Thema aktuell eine Sonderausstellung und hat einen Katalog dazu veröffentlicht.

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(1944  Cäsar von Hofacker mit der Familie im Urlaub, (c) Privatbesitz/GDW)

In Schlachtensee bestand eine enge Freundschaft zwischen der Familie von Hofacker und der von Walther von Simson, der mit seiner Familie schon seit längerem schräg gegenüber in der Gilgestraße 7 (damals Böckelweg) wohnte. Die Familie von Simson hatte drei Kinder, die mit denen der Familie von Hofacker spielten und auch gemeinsam verreisten. Eine besonders enge Freundschaft bestand zwischen zwei der Töchter der Familien, die wohl auch gemeinsam die private Lehweß-Schule in der Von-Luck-Straße in Nikolassee besucht haben.
Anders als Cäsar von Hofacker war Walther von Simson ein aktiv gläubiger Christ und in der Bekennenden Kirche führend tätig. Er leitete den Gemeindebruderrat in Schlachtensee und war auch für den Landesbruderrat der BK in Berlin tätig. Am 1. März 1943 traf eine Bombe sein Haus und er und seine Familie wurden verschüttet. Zu den Nachbarn, die sofort zu dem Haus liefen und sich bemühten, die Verschütteten zu retten, gehörte auch die Familie von Hofacker. Es gelang eine Tochter der Familie von Simson zu retten, der jüngste Sohn überlebte, weil er zu diesem Zeitpunkt bei Verwandten in Ostpreußen war. Der Schlachtenseer Bruderrat beklagte den Tod unseres „verehrten Herrn Dr. von Simson, seiner Gattin und Tochter“ und lud mit einer gedruckten Karte die Gemeinde zur Beerdigung auf dem Friedhof der Jerusalems und Neuen Kirchgemeinde in Kreuzberg und zu einer Trauerfeier in der Johanneskirche ein.

Die Haltung von Cäsar von Hofacker zur Religion und zum Christentum stand im Mittelpunkt eines Vortragsabends am 21. Juli 2017 in der Schlachtenseer Johanneskirche. Das Verhältnis von Widerstand und Glauben ist bei den Verschwörern des 20. Julis unterschiedlich ausgeprägt. Eine verbindende Grundlage könnte wohl der Satz von Helmuth James von Moltke sein: „ der Grad der Gefährdung und Opferbereitschaft, der heute von uns verlangt wird und vielleicht morgen von uns verlangt werden wird, setzt mehr als gute ethische Prinzipien voraus.” Was dieses mehr ist und wie es sich bei Cäsar von Hofacker ausdrückte, war Gegenstand des Vortrags von Prof. Dr. Gerhard Ringshausen, dessen Veröffentlichungen ich auch die wesentlichen Informationen zu Cäsar von Hofacker und die Zitate verdanke. (Gerhard Ringshausen, Widerstand und christlicher Glaube angesichts des Nationalsozialismus, Berlin 2007, ISBN: 978-3-8258-8306-5)

Der Vortrag wurde freundlicherweise der Kirchengemeinde Schlachtensee zur Veröffentlichung auf der Homepage der Gemeinde zur Verfügung gestellt. Sie finden ihn hier:  Vortrag Hofacker-Berlin

In dem Gespräch im Anschluss des Vortrags kam auch das Schicksal der Kinder der Widerständler des 20.Juli 1944 zur Sprache.  Die Enkeltochter von Cäsar von Hofacker
Valerie Riedesel Freifrau zu Eisenbach hat darüber ein Buch erarbeitet, das im Juli 2017 unter dem Titel:  Geisterkinder   erschienen ist.
(Valerie Riedesel Freifrau zu Eisenbach, Geisterkinder: Fünf Geschwister in Himmlers Sippenhaft, Holzgerlingen 2017,  ISBN: 978-3-7751-5791-9    18,95 Euro)

In diesem Buch sind auch eine Reihe von Briefen von Cäsar von Hofacker an seine Familie und Briefe und Gedichte seiner Kinder abgedruckt, in denen sich die tiefe menschliche Verbundenheit in dieser Familie ausdrückt.

 

 

 

 

 

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