Kriegsende in Schlachtensee: 24.-26. April 1945

Auf dieser Seite möchte ich Berichte und Fotos von den Apriltagen 1945 in Schlachtensee veröffentlichen. Bisher kenne ich nur zwei Berichte aus Schlachtensee, hoffe aber, dass es möglich ist, weitere zu finden. Aus anderen Teilen von Zehlendorf, von Wannsee u.a. gibt es solche Berichte.
Ich bitte also alle, die diese Seite lesen und die  Berichte, Tagebucheinträge u.a. haben oder Quellen kennen, wo welche zu finden sind, mir diese zur Verfügung zu stellen:  dirk   und dann gleich  @jordandirk.de

(04b)Aufmarschplan der Roten Armee

Aufmarschplan der Roten Armee am 24.April 1945, Quelle: Wolf-Dieter Glatzel (Hg.), Krieg,ist schrecklich, mein Kind! Zehlendorfer erinnern sich an 1945, Berlin 2014 (2.Aufl.), S. 129 – entnommen Kurt Trumpa- Zehlendorfer Chronik, Das Ende des Krieges in Zehlendorf 1945, Berlin 1994, S. 13

1) Aus Tagebuchnotizen von Heinrich Walter Simon (geb. 1894)

Ort: Schemannzeile (Dubrowstraße) 51,
25. April 1945:
Gegen 6 Uhr morgens hört man Schießen von Geschützen und Maschinengewehren. Man sieht Russen auf den Straßen. Es wird geschossen. Um 6.45 ruft ein Russe vor der Hofkellertür: Kamerad, Kamerad. Herr P. macht auf. Der Russe spricht kein Deutsch, er besichtigt den Luftschutzkeller und den Kinderbunker. Er will Uhren haben. Er lässt sich Handgelenke und Taschen zeigen, untersucht aber nicht viel.
8.30. Zahlreiche russische Panzer und einige Lastwagen fahren die Spanische Allee Richtung Nikolassee entlang. Vorher sollen mindesten 12 schwere Panzer die Stöckerzeile (Breisgauer Straße) zum Bahnhof Schlachtensee gefahren sein.
Gegen 11 Uhr kommt Frl. Sch. vom Konsum vorbei und sagt, am Kino würden Lebensmittel verteilt.
Gegen 11.20 gehen mein Vater und mein 16jähriger Bruder zum Kaufmann Anton (Schemannzeile〈Dubrowstraße〉 / Ecke Dühringzeile 〈Eiderstedterweg〉). Sie bekommen eine Tüte Zucker und eine Tüte Grütze ohne Bezahlung, nur die Nummer wird aufgeschrieben; man solle später bezahlen. Dann in den Luftschutzkeller zurück. Es kommen mehrmals Russen. Sie durchsuchen mit vorgehaltener Pistole die Taschen nach Uhren.
Um 12 Uhr essen wir in der Wohnung Mittag.
Um 13.30 wieder heftige Schießereien. Man weiß nichts genaues von der Lage.
14.55 Gefecht. Augenblicklich sind die Russen vertrieben. Dauernd Flieger. Artillerie- und Maschinengewehrfeuer. Es werden auch viele Pferdewagen auf der Spanischen Allee Richtung Nikolassee gesehen, ferner Züge von Infanterie.
19.15 Uhr wieder Russen im Haus. Eine Frau soll mitgenommen werden. Sie schreit laut und reißt sich los, da lässt er sie. Alle Matratzen werden entfernt, um die Russen nicht zum Sichlegen und etwaigen Belästigungen der Frauen zu verleiten. In einem Nebenkeller wird eine Frau von 2 Russen vergewaltigt.

26.April 1945
Am nächsten Morgen wird berichtet, die Deutschen seien nachts – es war offensichtlich Gefecht – bis zur Fernsprechzelle Spanische Allee/ Ecke Tewsstr. gekommen, hätten sich aber nicht halten können. 2 Russen gehen durchs Haus, verlassen es aber ohne Plünderung.
Es heißt, Frau Dr. Herbst (Praktische Ärztin und Kinderärztin, Stöckerzeile 34〈Breisgauer Straße〉 habe sich vergiftet.
Frau Bohlmann soll bei Plünderungen des Ladens 〈Breisgauer Straße/ Ecke Matterhornstraße, heute: Systema〉 erschossen worden sein.

Zur Verfügung gestellt durch den Sohn, Herrn Dietmar Simon. Herzlichen Dank dafür.

2) Aus den Erinnerungen von Wolfgang Hammerschmidt

Ort Schemannzeile (Dubrowstraße) 14,
24. April 1945〉
…. Am S-Bahnhof Schmargendorf stiegen wir um in die U-Bahn zur Endstation „Krumme Lanke“ in Zehlendorf. Der Zug fuhr, jetzt halbleer, bis er aus dem Untergrund ins Freie mußte: ab Dahlem fuhr er in einem Einschnitt unter freiem Himmel. An dem tummelten sich sowjetische Schlachtflieger in Sturzflügen und Angriffen auf Bodenziele. Minutenlang blieb der Zug auf freier Strecke stehen, alle Gespräche waren verstummt. Endlich erreichte er über „Onkel Toms Hütte“ die Endstation. Als wir den Bahnhof verlassen hatten, mußten wir uns sofort flach aufs Pflaster werfen, weil wieder JAK-Bomber mit knatterndem Mündungsfeuer über die Argentinische Allee rasten. Ich hatte meinen Koffer vor Ruth Wendland und mich gestellt, als könnten meine paar Kleider die Kugeln aufhalten.

Nach kurzem Marsch erreichten wir den S-Bahnhof Zehlendorf-West. Unter der Bahnüberführung war der Volkssturm gerade dabei, eine aus Bahnschwellen errichtete Barrikade zu schließen. „Da könnt Ihr nicht mehr hin, der Iwan ist schon in Teltow“, meinte der Wortführer der kleinen Gruppe. Ruth Wendland zeigte ihm ihren Kirchenausweis: „Wir müssen Kranke in der Dubrowstraße versorgen und kommen dann zurück,“ antwortete sie mit freundlicher Selbstverständlichkeit. „Hier kommt Ihr nicht mehr durch, wir machen jetzt dicht“, war die Entgegnung. Wir schlüpften ohne weiteren Widerspruch durch die letzte Lücke der Barrikade. Das jämmerliche Häuflein von Zivilisten mit den Volkssturm-Armbinden bestand aus etwa einem Dutzend Männer, teils Knaben von 15 Jahren, teils ihren Großvätern jenseits der 60. Sie hatten drei oder vier Panzerfäuste und nicht einmal einen Karabiner pro Mann.
Nach zweihundert Schritten waren wir am Ziel, dem Eckhaus Dubrowstraße / Eitel-Fritz Straße[1]. einem alten Villenbau mit Türmchen und Garten. Ruth Wendland schloß auf und nahm mich die Treppe hinauf mit in ihre kleine Wohnung im Turm des Hauses. Die Zimmer lagen übereinander. … Als sie mir einen Kräutertee brühte, hörten wir in der Nähe Granateinschläge. „Ab in den Keller!“ kommandierte die resolute Vikarin.
Unten waren die Hausbewohner versammelt, darunter ein Bankdirektor der Dresdner Bank dem ich vorgestellt wurde, einige Frauen und Mädchen, die Hauswartsfrau und der Hauswart, ein hagerer Mann mit der grauen Haut des Alkoholikers. Ihm fehlten einige Finger der rechten Hand. Er fragte sofort, wer ich sei und verlangte meinen Ausweis zu sehen. Ruth Wendland sagte, ich sei ausgebombt und ohne Papiere. Daraufhin nahm der Mann, der das Parteiabzeichen an der Arbeitsjacke trug, eine drohende Haltung ein. „Dann muß ich den Mann anzeigen,“ sagte er und verließ den Keller. Die Vikarin gab mir mit dem Kopf ein Zeichen, ihr zu folgen.
Sie ging wieder hinauf in ihre Wohnung, stieg eine Treppe hinauf in das Turmzimmer, von da durch eine Tür noch höher unter den Turmhelm.  … Aus einer Villa ganz in der Nähe auf der linken Seite der Dubrowstraße scholl lautes Gröhlen und dröhnende Grammophonmusik. „Dort feiert die SS Abschied“, kommentierte Ruth Wendland den Lärm. „Ich hoffe, die sind schon zu besoffen, um unseren feinen Hauswart zu begleiten!“
〈Es handelte sich um das Haus Dubrowstraße 21/23. Es wurde um 1924 für den Kaufmann (Bau- und Nutzholzhandlung) Otto Kersten gebaut. Dort wohnte ab 1936 SS-Obergruppenführer und General der Waffen-SS August Heißmeyer (1898-1979(!)), Leiter des SS-Hauptamtes. Er war mit der Reichsfrauenschaftsführerin Gertrud Scholtz-Klink (1902 -1999(!)) verheiratet. Ab 1942 wohnte dort SS-Brigadeführer und Generalmajor der Waffen-SS August Frank (1898-1984(!)), Leiter des SS-Wirtschafts- und Verwaltungsamtes, Unter den Eichen 128 – 135. 〉

Dann hatte sie mit einem Griff eine schmale Metall-Leiter in eine Stange an der Holzkassettendecke des Aussichtsplatzes eingehängt. Sie hob mit der Hand ein Segment der Decke an und schob es hinauf. Aus ihrem Schlafzimmer im Turm holte sie einen dicken gesteppten Schlafsack und brachte ihn hinauf. Dann schickte sie mich in den Turmhelm. „Nehmen Sie die Leiter mit hoch, damit keiner hinauf kann, aber Sie herunterkommen, wenn Sie wollen. Und versuchen Sie, ein bißchen zu schlafen. Nehmen Sie den Pfefferminztee mit. Der wird Ihnen jetzt gut tun.“ – Ich kroch mit dem großen Teepott hinauf, zog die Leiter etwas ungeschickt nach, schob die Bodenplatte in die Öffnung. Es war noch hell, die Tage waren schon länger geworden. Durch einige Löcher im Turmhelm konnte ich den Himmel und Flugzeuge sehen. Aus dem Süden kam das ferne Grollen von Schüssen und das helle Geräusch von Panzerketten. Ich trank den warmen Tee und horchte auf das Grölen der SS-Meute. Dann übermannte mich die Erschöpfung. Ich kroch in den warmen, weichen Schlafsack und schlief wohl sofort ein.

〈25. April 1945〉
Im Morgengrauen weckten mich laute Kanonenschüsse und das Klirren von Panzerketten. Ich kroch aus dem Sack und lugte durch die Löcher der fehlenden Schindeln. Mehrere Panzer feuerten in Richtung S-Bahn und fuhren weiter. Einer von ihnen mußte unmittelbar unter meinem Turm stehen; denn bei jedem Schuß spürte ich die Erschütterung und die Schindeln des Helms vibrierten laut. Ich öffnete meine Bodenklappe und schaute hinunter. Richtig: ein Panzer mit rotem Stern stand neben dem Haus auf der Straße. Im offenen Geschützturm ein Soldat mit Ohrschützern über der Kappe, ein weiterer Schuß donnerte aus dem Rohr. – Mit wenigen Handgriffen war die Leiter eingehängt, fünf Sprossen und ich stand auf dem Boden. Als ich die Tür öffne und hinuntergehe, liegt Ruth Wendland in ihren Kleidern auf dem Bett in tiefem Schlaf. Nicht einmal die Schüsse hatten sie geweckt. „Der Schlaf der Gerechten“, denke ich, als ich sie sanft wachrüttele. „Die Russen sind da!“ Sie ist sofort hellwach und steht auf.

Wolfgang Hammerschmidt, Spurensuche   Zur Geschichte der jüdischen Familie Hammerschmidt aus Cottbus, Gießen 1996  (Psychosozial- Verlag), S. 79 – 81 (Kapitel 5  Die Befreiung)

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