Stolperstein – Rundgang

Deckblatt

Für den Rundgang gibt es eine ausführliche Rundgangbroschüre, die auf der Seite der AG Spurensuche aufrufbar ist. Um die Internetsuche nach den Namen, die in dem Rundgang erwähnt werden, zu erleichtern, wird hier eine verkürzte Version eingestellt. Weitere Informationen erhalten Sie durch Aufruf der Rundgangbroschüre selber.

  Der Rundgang führt an 9 Stellen mit Stolpersteinen vorbei. Auf dem Weg werden auch Häuser
mit ihren BewohnerInnen genannt, die als Juden verfolgt wurden und vor denen (noch) keine
Stolpersteine liegen. Der Rundgang beginnt und endet an der evangelischen Johanneskirche in der
Matterhornstraße 37.

Karte2017


Von der Kirche aus gehen wir zum Kirchblick.

(01) Die ersten Stolpersteine befinden sich im Kirchblick 3. Sie wurden am 15.09.2014 für die Familie Casparius verlegt. Der Kaufmann Richard Casparius (geboren 1883 in Bärwalde) und seine Ehefrau Hilda (geboren 1893 in Berlin) zogen im Sommer 1923 zusammen mit ihrer Familie ein. Dort lebten sie knapp 16 Jahre lang bis zur Enteignung im März 1939. Noch im gleichen Monat emigrierte der Sohn Alfred in die Niederlande, einen Monat später flüchtete Gerda nach England. Beide haben überlebt.
Richard Casparius erkrankte Anfang 1942 schwer und starb im Februar 1942. Er wurde auf dem Jüdischen Friedhof in Weißensee beigesetzt. Ein Jahr später, am 1. März 1943 wurde Hilda Casparius mit dem 31. Osttransport nach Auschwitz deportiert und dort ermordet.
  Von dort weiter zur Salzachstraße, diese rechts bis zur Ahrenshooper Zeile und diese wieder rechts.

Ahrenshooper Zeile 16: Luise Romberg, geb. Schalcha. Geboren am 01.01.1885 in Warschau, deportiert mit dem 30. Transport am 26.02.1943 nach Auschwitz.
Ahrenshooper Zeile 23: Jeanette Mattisohn. Geboren am 26.11.1876 in Ebersbach/Ostpreußen, deportiert mit dem 2. Transport am 24.10.1941 nach Litzmannstadt/Lodz.
    Der Rundgang führt über die Matterhornstraße weiter gerade aus.
(02) In der Ahrenshooper Zeile 35 wohnten seit 1927 Prof. Dr. Fritz Straßmann, einer der führenden Gerichtsmediziner, mit seiner Frau Rosalie und seinem jüngsten Sohn Reinhold Strassmann(1893-1944). Reinhold blieb bei seinem Vater, da für den schwerkranken Mann keine Aussicht auf Emigration bestand. Seine Hinfälligkeit bewahrte ihn auch im November 1938 vor der Verschleppung ins KZ Oranienburg. Er starb im Januar 1940.
Im September 1939 erreichte Reinhold, dass die Nichte seines Vaters, Marie Gertrude Lewy-Lingen, und deren Mann Richard zu ihm ziehen durften. Dr. Richard Lewy-Lingen war bis zu seiner Zwangsentlassung 1936 Landgerichtsdirektor.
Reinhold Straßmann wurde mit dem 101. Alterstransport am 9. Februar 1944 vom Bahnhof Grunewald nach Theresienstadt deportiert, von dort am 23. Oktober 1944 weiter nach Auschwitz und dort ermordet.
Als Richard und Marie Lewy die Aufforderung zur Deportation bekamen, setzten sie am 13. Oktober 1942 ihrem Leben ein Ende. Die Stolpersteine  wurden am 23.Oktober 2011 verlegt.
AhrenshooperZeile 43: Alice Hertz: Geboren am 09.04.1872 in Hamburg, deportiert mit dem 67. Alterstransport am 25.09.1942 nach Theresienstadt und dort am 04.12.1942 verstorben.
Johanna Hertz: Geboren am 08.09.1879 in Hamburg, deportiert mit dem 67. Alterstransport am 25.09.1942 nach Theresienstadt und von dort nach Auschwitz in den Tod geschickt.
Grete Reich: Geboren am 20.12.1877 in Bischofswerder/Westpreußen, deportiert mit dem 9. Transport am 19.01.1942 nach Riga und dort verstorben.
  Von dort weiter bis zur Dubrowstraße und dann nach links bis zur Eitel-Fritz-Straße. Am Platz nach
links.

Eitel-Fritz-Straße 7: Hier wohnte seit 1933 die Familie Oschitzki. Leo Oschitzki (1892 – 1943) war Handelsvertreter. Er wurde mit dem 28. Transport am 3.2.1943 nach Auschwitz deportiert und dort ermordet. Von Abraham Oschitzki (1860 – 1942) wissen wir nur, dass er auch dort wohnte und mit dem 2. Altentransport am 4.6.1942 nach Theresienstadt deportiert wurde und dort verstarb. In dem Haus wohnte außerdem Willy Philippstein (1879 – 1943), der mit dem 73. Alterstransport am 6.11.1942 nach Theresienstadt deportiert wurde und dort 1943 umkam.
  Von dort die Dubrowstraße weiter bis zum Rhumeweg und dort nach rechts.

Rhumeweg 19: Hier wohnten Carl und Elsa Fuchs. Carl Fuchs, 1870 geboren, war Kaufmann. Als Jude verfolgt, verließen er und seine Frau im September 1941 Deutschland. Das Emigrationsziel ist nicht bekannt.
(03) Der nächste Stolperstein liegt seit dem 15.06.2012 vor dem Haus Rhumeweg 23 für Erna Fürstenheim. Sie erblindete und als ihr 1939 das Zimmer in der damaligen Kossinastraße 23 (heute: Rhumeweg) gekündigt wurde, zog sie mit ihrer Schwester Frieda Fürstenheim in die Lietzenburger Straße 34 und wohnte mit ihr bei Landgerichtsdirektor a.D. Dr. Dafis bis zu ihrer Deportation am 02. Juni 1942.
Rhumeweg 30: Eigentümer des Hauses war bis 1940 Arthur Stern (1885 – 1945). Er war Mitinhaber der Firma Julius Stern & Co. Im Sommer 1939 wurde er in ein KZ verschleppt. Er verließ es mit doppeltem Beinbruch und emigrierte noch in demselben Jahr in die USA, er lebte mit seiner Frau in San Francisco und verstarb dort.

Auf dem Dreiecksplatz zwischen Niklasstraße, Lindenthaler Allee und Rhumeweg stand das sogenannte „erste antisemitische Denkmal Deutschlands“ für Theodor Fritsch, nach dem auch die Straße damals benannt war. Dieser Platz wurde am 12. Oktober 2014 nach Georg und Hedwig Flatow benannt, für die an demselben Tag, ihrem 70. Todestag, Stolpersteine vor ihrem Haus in der Niklasstraße 5 (siehe dort) verlegt wurden.
Von dort die Lindenthaler Alle in Richtung  Potsdamer Chaussee.

(04) Vor der Lindenthaler Allee 29 wurden am 31. März 2017  fünf Stolpersteine verlegt, für
Louis LeyserSilbermann, der emigrieren musste und in Frankreich erneut interniert wurde und im Lager Recebedou umkam,
für seinen Sohn Kurt Silbermann, der nach Moskau emigrierte und dort dem Großen Terror Stalins zum Opfer fiel,
und für seine Frau Charlotte Silbermann und den zweiten Sohn Alfred Silbermann, die nach Argentinien emigrieren konnten und überlebten;
außerdem für Jenny Hirsch, die zeitweise bei den Silbermanns lebte, und mit dem 29. Osttransport am 19. Februar 1943 nach Auschwitz deportiert und dort ermordet wurde.

(05) Gegenüber davon, vor dem Haus Lindenthaler Allee 32, liegt der Stolperstein für Margarete Wolff, geboren: 30.04.1876, Deportation: 61. Alterstransport, 10.09.1942 nach Theresienstadt, dort verstorben.

Daneben in der Lindenthaler Allee 30 wohnte und wohnt die Familie Mendel-Gutkind-Bienert. In dieser herrschaftlichen Villa wuchs Anneliese (Gutkind-)Mendel mit zwei Geschwistern auf. Sie konnte sich im Februar 1943 durch eine abenteuerliche Flucht über den Balkon vor dem Zugriff der Gestapo retten. Sie überlebte die NS-Zeit als Untergetauchte, u.a. durch die Hilfe ihrer Schulfreundin Hilde Otte aus der Niklasstraße 2.

  Von dort in Richtung Niklasstraße und dort nach rechts, in der Niklasstraße weiter, an der Gilge-,
Kaun- und Wolzogenstraße vorbei.

Niklasstraße 16: Hier wohnte Martha Alexander. Geboren am 05.12.1887 in Berlin, deportiert mit dem 25. Transport am 14.12.1942 nach Riga und dort verstorben.

(06) In der Niklasstraße 5 wohnten Georg und Hedwig Flatow mit ihrer Tochter Ilse.Sie waren zwei deutsche Sozialdemokraten, die „glücklich waren, sich an der schrittweisen Entwicklung der deutschen Arbeiter- bewegung beteiligen zu können“ und dann ab 1933 brutal erfahren mussten, dass sie als Juden rechtlos und unerwünscht waren und auch als Sozialdemokraten verfolgt wurden.
Georg Flatow war Jurist und der führende Kommentator des Betriebsräte- gesetzes von 1920, auf dem noch heute unser Betriebsverfassungsgesetz aufbaut.
Nach der Pogromnacht im November 1938 wurde auch Georg Flatow in das KZ Sachsenhausen verschleppt und kam durch die Zusage, umgehend Deutschland zu verlassen, im Dezember wieder frei. Im Februar 1939 emigrierte die Familie mit Hilfe eines guten Freundes nach Amsterdam.
Dort beteiligten sie sich aktiv am Aufbau des „Werkdorp Wieringen“, einem Ausbildungslager zur Vorbereitung vor allem deutscher Juden auf die Auswanderung nach Palästina. Georg und Hedwig Flatow konnten diese Möglichkeit nicht nutzen, sondern wurden nach der Besetzung der Niederlande durch die Deutschen im September 1943 im Sammellager Westerbork interniert und von dort nach Theresienstadt deportiert. Am 12. Oktober 1944 brachte sie dann ein Transport nach Auschwitz.
Die Tochter, die nach England emigrieren konnte, setzte diesen Tag als Todesdatum fest.
(Siehe auch: Artikel im Zehlendorf Blog des Tagesspiegels:
http://www.tagesspiegel.de/berlin/bezirke/zehlendorf/ueber18/zehlendorf-stolperstein-fuer-georg-flatow-die-nazis-und-der-arbeiterfreund/10813826.html
Außerdem gab es einen Artikel in der Berliner Woche:
http://www.berliner-woche.de/nachrichten/bezirk-steglitz-zehlendorf/zehlendorf/artikel/51935-platzbenennung-und-verlegung-von-stolpersteinen/

Familiendokumente der Flatows sind beim Leo-Baeck-Institut in New York hinterlegt: http://archive.org/details/georgflatowf001 )

  Von dort geht es zurück zur Lindenthaler Allee und weiter geradeaus die Niklasstraße.

Niklasstraße 33: Hier wohnte Dr. Herbert Hirschwald, Richter am Kammergericht, von 1933 bis Ende 1938 mit seiner Frau Hildegard, geb. Strassmann und zwei Kindern. Auch er war von den Nazis als Jude aus dem Dienst entlassen worden. Er emigrierte mit der Familie 1939 nach England. In den Monate vor der Flucht wohnten sie bei den Strassmanns in der Ahrenshoper Zeile 35 (02)

Niklasstraße 50: Einige Häuser weiter wohnte von 1937 bis 1943 der katholische Priester und Religionsphilosoph Romano Guardini. Ab 1923 lehrte er als „ständiger Gast“ katholische Religionsphilosophie an der Berliner Friedrichs-Wilhelm-Universität (heute: HU), 1939 erfolgte die zwangsweise Emeritierung. Der katholischen Gemeinde Schlachtensee war er eng verbunden, so predigte er im damaligen katholischen Gemeindezentrum in der Altvaterstraße 8/9.

   In der Niklasstraße weiter, an der Spanischen Allee dann nach links auf die gegenüberliegende
Seite.
Dort liegt das Hubertus-Krankenhaus, auf dessen jetzigem Gelände zwei in der Zwischenzeit
abgerissene Häuser standen:

(07) Spanische Allee 8: Hier wohnte Johanna Königsberger, geb. Fränkel. Geboren am 21.10.1864 in Berlin, deportiert mit dem 27. Alterstransport am 22.07.1942 nach Theresienstadt und dort am 06.09.1942 verstorben.
Über Johanna Könisberger und ihre Familie habe ich in dem Artikel: Zwischen Villa und Ghetto  berichtet.

Spanische Allee 10/12: Hier wohnten:
Sophie Goldschmidt, geb. Wolff, geb. 28.03.1859 in Bleicherode (Grafschaft Hohenstein/Sachsen), 7. Alterstransport, 18. Juni 1942 nach Theresienstadt, ermordet: 03. Juli 1942 Theresienstadt
Theodor Loewenthal wurde am 04.03.1861 in Zeitlitz/Böhmen geboren und mit dem 17. Alterstransport am 08.07.1942 nach Theresienstadt deportiert und ist dort verstorben.
Johanna Stahl, geb. Lehmann wurde am 12.08.1886 in Berlin geboren und mit dem 39. Transport am 28.06.1943 nach Auschwitz deportiert und ist dort verstorben.
Emma Weigert, geb. Pappenheim wurde am 28.03.1861 in Berlin geboren und mit dem 52. Alterstransport am 28.08.1942 nach Theresienstadt deportiert und ist dort am 12.09.1942 verstorben.
Anna Loewenberg wurde am 20.12.1869 in Berlin geboren und mit dem 62. Alterstransport am 11.09.1942 nach Theresienstadt deportiert und ist dort verstorben.
Die Stolpersteine wurden am 26.06.2015 und am 13.06.2016 auf Initiative und unter Beteiligung von Schülerinnen und Schülern des Werner-Siemens-Gymnasiums verlegt.

  Von dort zurück bis zur Ecke Breisgauer Straße. Der Rundgang führt nun die Tewsstraße entlang bis
zur Ecke Kurstraße. Diese evtl. nach links oder weiter geradeaus.

Kurstraße 3: Hier wohnte Mieczyslaw Nathanblut (Natrowski), geboren 1882 in Warschau, Musiker und Schriftsteller (auch M. Natrowski, Animatus). Mieczyslaw Nathanblut wurde mit dem 9. Osttransport am 19.01.1942 nach Riga deportiert (Liste 29, Nr. 6584) und verstarb dort.
  Von dort zurück zur Tewsstraße und diese nach links bis zur Wasgenstraße.

(08) Vor dem Zugang zur Tewsstraße 21 wurde der Stolperstein für Arthur Sello am 15.08.2013 verlegt. Arthur Sello wurde 1872 in Bojanowo (Provinz Posen) geboren, er wuchs in Deutschland auf und ließ sich mit 14 Jahren taufen. Er studierte Jura und wurde als Soldat im 1. Weltkrieg mit dem Eisernen Kreuz ausgezeichnet. 1927 wurde er Vorsitzender des neu errichteten Landesarbeitsgerichts und 1933 entlassen.
Arthur Sello fand Rückhalt in den Bekenntnisgruppen der Kirchengemeinde Schlachtensee und leitete selber einen Hausbibelkreis für „nicht-arische Christen“. Seine Tochter, Maria Sello, war ebenfalls in der Bekennenden Kirche aktiv. Bei einem Fliegerangriff am 6. März 1944, bei dem auch die Johanneskirche schwer beschädigt wurde, wurde er durch eine Fliegerbombe getötet.
  Von dort die Wasgenstraße nach rechts bis zur Spanischen Allee und dort halbrechts in die
Schopenhauerstraße bis zum Reifträgerweg, den nach links.

(09) Beim Reifträgerweg 19 liegt seit dem 26.04.2013 der Stolperstein für Friedrich Rudolf Guttstadt (geboren 1881 in Berlin). Er wuchs auch in Berlin auf und studierte Jura in Straßburg. Am Ersten Weltkrieg nahm er als Offizier teil und wurde mit dem EK 1 ausgezeichnet. In den zwanziger Jahren war er als Reichswirt-schaftsgerichtsrat tätig. 1933 wurde er zwangsweise in den Ruhestand versetzt, da seine Großeltern Juden waren. In der Pogromnacht 1938 wurde er von der Gestapo verhaftet. Als kranker und völlig gebrochener Mann kehrte Friedrich Rudolf Guttstadt aus dem KZ Sachsenhausen zurück und starb kurze Zeit später.
  Den Reifträgerweg weitergehend führt der Rundgang wieder zur Matterhornstraße und von dort
nach rechts über die Breisgauer Straße hinaus wieder zur Johanneskirche zurück (ca. 1 km).

Und hier geht es zu meiner privaten Homepage: www.jordandirk.de

Kontaakt:  schlachtensee   und dann gleich   @jordandirk.de

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